Zeit in Bildern
Experimentelle Fotografie -
gebaut aus Geschichte
Wie wirkte wohl die Atmosphäre der Museumsgebäude auf Fotos
im 19. Jahrhundert? Das zeigen Ronja Hermann und Ben Maier mit ihrem Projekt Zeit in Bildern.
Dafür konstruierten die beiden Kunstschaffenden Lochkameras aus historischen Alltagsgegenständen wie einem Butterfass aus Holz
oder einer Teedose aus Blech. Lochkameras gehören zu den ursprünglichsten fotografischen Techniken. Durch ein winziges
Loch wird die Außenwelt auf ein lichtsensitives Material in einer dunklen Kammer projiziert und über einen längeren Zeitraum
belichtet. Es entsteht ein Foto. Während der Museumssaison
2024 wurden die in Lochkameras verwandelten Objekte auf dem
Gelände des Freilichtmuseums positioniert. Die Belichtungszeiten der Fotografien reichen von 10 bis 230 Tagen.
Es sind Werke entstanden, die als verdichtete visuelle Spuren
des Vergangenen gelten. Die experimentellen Langzeitbelichtungen
geben neue Perspektiven auf das Museum und setzen es
gestalterisch in den Kontext von früher.
Zeit | Bild | Museum
Das ist die Bauanleitung für „Zeit in Bildern“: Ronja Hermann und Ben
Maier entnehmen einer Lebenswelt Alltags-Dinge, bauen sie um – zu
Lochkameras – und fügen sie dieser Lebenswelt wieder ein. Die Lochkamera-Ding-Objekte fallen nicht in den Blick, weil sie an ihrem
Lebensweltplatz zu alltäglich sind. Und sie tun, was sie tun sollen. Fotografieren.
Langzeitbelichtung. Pro Objekt eine (1) Fotografie.
Eines muss man wissen. Die so abgelichtete Lebenswelt ist nicht
lebendig. Sie ist zwar vollständig. Jedes Ding sitzt an seinem Platz. Bäuerliche
Lebenswelt am Albrand – ein Freilichtmuseum. Die Lebenswelt
ist aber 1. vergangen und 2. museal rekonstruiert.
Menschen und Momente bleiben den Bildern fern. Sie sind zu schnell
„vorbei“. Dafür falten die Lochkameras die Tage und die Nächte mit
ihren beharrlichen Veränderungen über- und ineinander - in einem
Tempo, das dem menschlichen Auge verborgen bleibt. Wir sehen nun
eine Welt, die wir so nie sehen und nie zu sehen bekommen. Eine Welt,
die uns nicht braucht. Wir sehen eine archaische Welt, die aus sich
heraus auf archaische Weise festgehalten wurde. Und, entscheidend:
dies alles in der Jetztzeit.
Der minimalistische Titel „Zeit in Bildern“ zeigt sich hiermit als ebenso
vielschichtig wie die Bilder selbst. Als habe man mit den Mitteln der
Kunst die Idee des Museums auf das Museum selbst angewandt. Unser
Blick wird seiner Selbstverständlichkeiten entwöhnt und bewegt sich,
gerade weil sie nicht vorkommen, nahe ran an die Leute. An die Leute
von früher und an die Leute, die wir selber sind.
Die Kameras
Ausstellungsansichten